
Ein Bauzeitenplan ist die terminliche Übersetzung des Bauvertrags. Er ordnet Vorgänge, Abhängigkeiten und Ressourcen so, dass Fertigstellungstermine belastbar werden und Verzögerungen frühzeitig sichtbar sind. In der Regel entsteht er als Balkenplan (Gantt) mit Vorgangsknoten, Anordnungsbeziehungen und einem ausgewiesenen kritischen Pfad, der die längste zusammenhängende Kette ohne Puffer darstellt.
Dieser Beitrag zeigt, wie Sie einen Bauzeitenplan strukturieren, welche Vorgangsarten und Abhängigkeitstypen üblich sind und wie Sie den kritischen Pfad für Steuerung und Nachträge nutzen.
Was ein Bauzeitenplan leisten muss
Ein Bauzeitenplan ist mehr als eine Terminübersicht. Er dient als Steuerungsinstrument für die Bauleitung, als Kommunikationsmittel gegenüber Nachunternehmern und Auftraggebern und im Streitfall als Grundlage für bauablaufbezogene Darstellungen.
Typische Anforderungen:
- Darstellung aller relevanten Gewerke und Abschnitte
- Abbildung von Abhängigkeiten zwischen Vorgängen
- Ausweis von Anfangs- und Endterminen, Dauer und Puffern
- Identifikation des kritischen Pfads
- Versionierung (SOLL, IST, fortgeschrieben)
Die DIN 69900 (Projektmanagement, Netzplantechnik) und DIN 69901 (Projektmanagementsysteme) definieren die zugehörige Terminologie. Auch wenn diese Normen aus dem allgemeinen Projektmanagement stammen, hat sich die Begrifflichkeit im Bauwesen etabliert.
Vorgangsarten im Bauzeitenplan
Ein Vorgang ist eine zeitverbrauchende Aktivität mit definiertem Anfang und Ende. In Bauzeitenplänen haben sich mehrere Vorgangsarten durchgesetzt.
Normale Vorgänge
Der Standardfall: ein Arbeitspaket mit Dauer in Arbeitstagen, zum Beispiel "Rohbau Kellergeschoss" oder "Estrich EG". Die Dauer ergibt sich aus Menge, Leistung und Kolonnengröße.
Sammelvorgänge
Sammelvorgänge (auch Hammock oder Summary) bündeln untergeordnete Vorgänge. Beispiel: "Rohbau" als Sammler über Erdarbeiten, Fundamente, Kellerwände, Kellerdecke. Sammelvorgänge erleichtern Berichte auf höherer Ebene.
Meilensteine
Meilensteine haben die Dauer null und markieren definierte Ereignisse wie "Baubeginn", "Rohbau fertig", "Abnahme". Vertragstermine werden typischerweise als Meilensteine modelliert, weil sie juristisch fixierte Zeitpunkte sind.
Einschränkungen (Constraints)
Constraints binden einen Vorgang an ein Datum, zum Beispiel "darf nicht vor dem 15.05. beginnen" wegen einer Genehmigung. Sie sollten sparsam eingesetzt werden, weil sie die natürliche Netzlogik überschreiben.
Anordnungsbeziehungen: FS, SS, FF, SF
Abhängigkeiten zwischen Vorgängen werden über Anordnungsbeziehungen modelliert. Es gibt vier Grundtypen.
| Typ | Bedeutung | Beispiel im Bau |
|---|---|---|
| FS (Finish-to-Start) | B startet, wenn A endet | Estrich startet, wenn Rohinstallation fertig |
| SS (Start-to-Start) | B startet, wenn A startet | Fliesen legen startet, wenn Verlegung Heizestrich startet (mit Versatz) |
| FF (Finish-to-Finish) | B endet, wenn A endet | Trockenbauwand und Elektroleerrohre enden gemeinsam |
| SF (Start-to-Finish) | B endet, wenn A startet | Selten im Bau, eher in Schichtplänen |
Die FS-Beziehung ist der Standard. SS und FF werden genutzt, wenn Gewerke parallel mit Versatz arbeiten können, etwa Innenausbau bei großen Grundrissen.
Zeitabstände: Lag und Lead
Anordnungsbeziehungen können Zeitabstände enthalten:
- Lag (positiver Abstand): "Estrich + 14 Tage Trocknung bis Fliesen"
- Lead (negativer Abstand): "Fliesen starten 2 Tage vor Ende Estrich"
Lags sollten dokumentiert werden, damit im Streitfall nachvollziehbar ist, welche technologischen Wartezeiten angesetzt wurden (zum Beispiel DIN-Trocknungszeiten).
Dauer und Kalender
Die Vorgangsdauer wird typischerweise in Arbeitstagen angegeben. Dabei ist der richtige Kalender entscheidend.
- Feiertage: bundeslandspezifisch (siehe Ihre jeweiligen Landesgesetze)
- Betriebsferien: sommer- oder winterbedingte Pausen
- Schlechtwetterzeit: im Bauhauptgewerbe von 1. Dezember bis 31. März nach Bundesrahmentarifvertrag
- Ressourcenkalender: Einzelkolonnen oder Nachunternehmer mit abweichenden Zeiten
Ein realistischer Kalender verhindert, dass Vorgänge rechnerisch auf Feiertage oder Urlaubstage fallen.
Der kritische Pfad
Der kritische Pfad ist die längste Kette verbundener Vorgänge im Netzplan, bei der jede Verzögerung zu einer Verschiebung des Endtermins führt. Vorgänge auf dem kritischen Pfad haben einen Gesamtpuffer von null.
Berechnung
Die Berechnung erfolgt in zwei Schritten:
- Vorwärtsrechnung: frühester Anfang (FA) und frühestes Ende (FE)
- Rückwärtsrechnung: spätester Anfang (SA) und spätestes Ende (SE)
Der Gesamtpuffer ergibt sich aus SA minus FA (oder SE minus FE). Vorgänge mit Gesamtpuffer null liegen auf dem kritischen Pfad.
Warum der kritische Pfad für Bauleiter wichtig ist
- Priorisierung: Störungen auf dem kritischen Pfad müssen sofort adressiert werden
- Ressourcensteuerung: zusätzliche Kolonnen dort einsetzen, wo sie den Endtermin wirklich verschieben
- Nachtragsmanagement: Behinderungen nach VOB/B §6 wirken sich nur dann auf den Endtermin aus, wenn sie den kritischen Pfad treffen
- Kommunikation: klare Darstellung gegenüber AG, was verschiebbar ist und was nicht
Puffer: frei versus Gesamt
Zwei Puffertypen sind relevant:
- Freier Puffer: Zeit, um die ein Vorgang verschoben werden kann, ohne den frühesten Anfang des Nachfolgers zu verschieben
- Gesamtpuffer: Zeit, um die ein Vorgang verschoben werden kann, ohne den Endtermin zu verschieben
In Bauzeitenplänen werden oft nur Gesamtpuffer ausgewiesen. Für die tägliche Steuerung ist der freie Puffer jedoch wertvoll, weil er zeigt, ob eine Verschiebung sofort andere Gewerke behindert.
Fortschreibung und Soll-Ist-Abgleich
Ein Bauzeitenplan ist kein statisches Dokument. Mindestens monatlich, bei komplexen Projekten wöchentlich, sollte er fortgeschrieben werden.
Übliche Praxis:
- SOLL-Plan: Stand bei Vertragsschluss, eingefroren
- SOLL fortgeschrieben: offizielle Anpassungen mit Nachtragsbegründung
- IST: tatsächlicher Fortschritt
- Prognose: aktualisierte Vorhersage der Restvorgänge
Die Versionierung ist juristisch relevant: Bei Behinderungsanzeigen nach VOB/B §6 Abs. 1 muss die bauablaufbezogene Darstellung auf einem nachvollziehbaren Ausgangsplan aufsetzen.
Ressourcen im Zeitplan
Neben Zeit sollten auch Ressourcen modelliert werden:
- Kolonnen (Eigenleistung)
- Nachunternehmer mit Kapazitätsgrenze
- Kräne und Großgeräte
- Materiallieferungen mit Lieferzeit
Ressourcenkonflikte, bei denen dieselbe Kolonne an zwei Orten gleichzeitig arbeiten soll, sind ein häufiger Grund für unrealistische Pläne. Ein Kapazitätsabgleich (Resource Leveling) kann Vorgänge automatisch verschieben, bis Engpässe aufgelöst sind.
Typische Fehler
- Zu feingliedrige Vorgänge, die im Alltag nicht pflegbar sind
- Anordnungsbeziehungen, die nur FS verwenden, obwohl technologisch SS sinnvoll wäre
- Constraints statt Logik ("muss am 15.05. starten" ohne Begründung)
- Fehlende technologische Wartezeiten (Estrich-Trocknung, Betondrucktest)
- Keine Pufferausweisung, dadurch keine Steuerungsinformation
- Kein Soll-Ist-Abgleich, Plan veraltet nach wenigen Wochen
Bauzeitenplan und Vertragsrecht
Je nach Vertrag hat der Bauzeitenplan unterschiedlichen Stellenwert:
- VOB/B: Vertragstermine sind die im Vertrag genannten Termine; Zwischentermine sind nur dann Vertragstermine, wenn vereinbart
- Behinderung nach §6 VOB/B: bedarf einer schriftlichen Anzeige und einer bauablaufbezogenen Darstellung
- BGB-Bauvertrag: §650c regelt die Mehrvergütung bei Anordnungen des Bestellers nach §650b
Ohne sauberen Bauzeitenplan sind bauablaufbezogene Darstellungen nur schwer möglich.
Digitale Unterstützung
Klassische Tabellenkalkulationen stoßen schnell an Grenzen, weil sie keine echte Netzlogik abbilden. Eine spezialisierte Lösung bietet:
- Automatische Pfadberechnung und Pufferausweisung
- Versionierung (SOLL, fortgeschrieben, IST)
- Ressourcenkalender und Feiertagslogik
- Verknüpfung mit Bautagebuch und Mängelmanagement
- Freigaben und Verteilung an NU und Bauherr
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